Verfasst von: PMS | August 7, 2008

Keine embryonale Stammzellenforschung auf dem Weg nach Lissabon

Wie dem jüngst vorgelegten Wirtschaftsbericht Österreich 2008 (Seiten 56 – 76) und dem Österreichischen Forschungs- und Technologiebericht 2008 zu entnehmen ist, steuert Österreich geradenwegs auf das Lissabon-Ziel, das eine Forschungs- und Entwicklungsquote (F&E-Quote) von 3% bis zum Jahr 2010 vorgibt, zu.

Die F&E-Quote gibt die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wieder. Österreich präsentierte 2007 eine Quote von 2,43% und liegt damit deutlich über dem EU-Durchschnitt von 1,87% (vgl Forschungs- und Technologiebericht, 183). Für das Jahr 2008 wird die F&E-Quote einer Studie der Statistik Austria zufolge 2,63% betragen, eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um beachtliche 8,1%. Real werden demnach heuer EUR 7,512 Mrd für F&E aufgewendet (vgl Wirtschaftsbericht, 56). Die Finanzierung ist viergeteilt:

  • öffentliche Hand: EUR 2,59 – 2,7 Mrd (35,5%); hier liefern Forschungs- und Wirtschaftsbericht unterschiedliche Zahlen
  • Privatwirtschaft: EUR 3,65 Mrd (48,6%)
  • Ausland: EUR 1,16 Mrd (15,5%)
  • gemeinnütziger privater Sektor: EUR 31 Mio (0,4%)

 

Der Vorjahresvergleich weist hinsichtlich der öffentlichen Finanzierung eine Steigerung um 8,9% aus und jene des Unternehmensbereiches wird um 10,2% über dem Wert des Vorjahres liegen. Die ausländische Finanzierung erfolgt vorwiegend über europäische Unternehmen, die ihren Forschungsstandort im Wege von Unternehmenszusammenschlüssen nach Österreich verlegt haben (Wirtschaftsbericht, 57).

Die hohe F&E-Quote resultiert aus der Etablierung mehrerer Akteure (Österreichische Förderungsgesellschaft [FFG], Wissenschaftsfonds [FWF], Austria Wirtschaftsservice GmbH [aws], Institute of Science and Technology Austria [ISTA], Austrian Cooperative Research [ACR], Christian Doppler Forschungsgesellschaft [CDG], Ludwig Boltzmann Institut [LBG], Österreichische Akademie der Wissenschaften [ÖAW]) und Instrumente (Innovationsscheck, Klima- und Energiefonds, Österreichischer Forschungsdialog), die sowohl direkte (Mittelgewährung) als auch indirekte (steuerliche Maßnahmen) Anreize für die Forschungslandschaft schaffen (Forschungs- und Technologiebericht, 26 ff; Wirtschaftsbericht 58 ff).

Obwohl die aktuelle Lage zum Ausruhen einlädt, gibt es etliche Verbesserungsmöglichkeiten. Österreich muss im Wege der Forschungsförderung den kleinen Markt kompensieren und dem Umstand entgegenwirken, dass nur wenige Konzernzentralen in Österreich situiert sind. Um diesen Nachteil auszugleichen, benötigt Österreich ein überlegenes Fördersystem, das ein lukratives Angebot an große Unternehmen darstellen soll. In weiterer Folge kommt dieser Effekt der Volkswirtschaft zugute. Für Forschungsunternehmen sind folgende Kriterien bei der Wahl des Standortes maßgebend:

  • Verfügbare Kompetenzen (Personal, Universitäten)
  • Kosten von F&E
  • Schutz des Know-hows (Immaterialgüterrecht, geistiges Eigentum)
  • Größe und Wachstum des lokalen Marktes
  • Innovations- und Technologieoffenheit

 

Direkte Förderung 2007: EUR 586 Mio
Der große Vorteil einer direkten Förderung ist ganz klar in den höheren Barwerten (konkretes Projekt wird unterstützt) und der Verbesserung der Kooperation (Konsortienbildung), wodurch Unternehmensbeziehungen entstehen und damit einhergehend auch das Know-how wächst, zu sehen. Zudem basiert die Vergabe der Förderungen auf vordefinierten Kriterien (vgl Wirtschaftsbericht, 64).

 

Indirekte Förderung 2007: EUR 486 Mio
Klein- und Mittelbetriebe (KMUs) können über den Weg der indirekten Förderung sehr gut erreicht werden, da sie weniger selektiv ist als die direkte. Sie sieht insbesondere Erleichterungen im Steuerrecht in Form von Freibeträgen und Prämien vor. Weiters gestalten sich indirekte Förderungen technologieneutral, zeitigen keinen wesentlichen Eingriff in den Markt und schaffen vor allem durch einen generellen Rechtsanspruch einheitliche Wettbewerbsbedingungen. Die dadurch geschaffenen Rahmenbedingungen stärken den Standort und ermöglichen eine langfristige und nachhaltige Planung (Rechtssicherheit). Der wesentlichste Aspekt ist aber, dass nur jenen Unternehmen eine Förderung gewährt wird, die tatsächlich in F&E investieren (vgl Wirtschaftsbericht, 63 f).

In Summe ist die indirekte Förderung aus dem österreichischen Förderwesen nicht mehr wegzudenken. Im Gegenteil: Sie muss einer ständigen Evaluierung unterzogen und erweitert werden. Werden die derzeit bestehenden Regelungen über einen längeren Zeitraum beibehalten, drohen folgende Szenarien:

  • Das Lissabon-Ziel wird nicht erreicht.
  • Der Wirtschaftsstandort Österreich wird deutlich geschwächt, weil das Vertrauen der Unternehmen verlustig geht.
  • Dieser Vertrauensverlust zieht eine Abwanderung bestehender F&E-Einheiten nach sich. Gerade die (fern)östlichen Länder konnten sich auf diesem Sektor in den letzten Jahren hervorragend positionieren.
  • Eine Ansiedlung neuer Unternehmen wird unattraktiv.
  • Negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: 1 verlorener Arbeitsplatz = 2,57 Arbeitsplätze.
  • Verringerung des Know-hows.
  • Minderung der Wettbewerbsfähigkeit.
  • EUR 1,– weniger Wertschöpfung in einem Unternehmen = EUR 2,01 Verringerung in der weiteren Wertschöpfungskette.

 

Weltweite Studien belegen, dass indirekte F&E-Förderung profitabel ist, da Steuererleichterungen zu größerem Wirtschaftswachstum führen und dadurch im Wege des steuerlichen Rückflusses, der in den USA 93% beträgt, Mehreinnahmen lukriert werden können.

 

Technologische Stärken und biotechnologische Schwächen

Österreichs technologische Stärken sind Gebrauchsgüter, Bauwesen, Bergbau, Materialverarbeitung, Werkzeugmaschinen, Materialwissenschaften und Metallurgie. Zu den Schwächen zählen Pharmazie, Kosmetik, Kerntechnik, Optik, organische Chemie und die audiovisuellen Technologien. Im Bereich der Biotechnologie hinkt Österreich dem EU-Mittel nur knapp hinterher. Hinsichtlich der Stammzellenforschung ist aber nach wie vor kein Einlenken der Politik wahrzunehmen. Man gewinnt geradezu den Eindruck, dass sich die (vermeintlich) Verantwortlichen davor drücken, Verantwortung zu übernehmen. Während das britische House of Lords unter Aufhebung des Klubzwangs einem Gesetz, das die Verwendung tierischer Eizellen in der Stammzellenforschung regelt und damit die beschwerliche Eizellengewinnung von Frauen umgeht, ist man in Österreich über eine Grundsatzerklärung (im Jahr 1999) aller vier damaligen Parlamentsparteien nicht hinausgekommen. 9 Jahre politischer Stillstand.

Umgemünzt bedeutet jeder Tag, den die österreichische Embryonalstammzellenforschung mangels gesetzlicher Rahmenbedingungen verschläft, eine Woche Aufholarbeit gegenüber liberalen Staaten wie Großbritannien, Japan oder den USA.


Antworten

  1. Hallo Patrick,

    Design gut, Text gut :)

    Er ist nur für einen Blogeintrag etwas lang. Texte solcher länge sollte man in Kapitel gliedern und dann als 2-4 Teiltexte bringen z.B.

    Akteure

    Förderung

    Fazit

    Ansonsten happy blogging und immer brav themenrelevante Blogs lesen und dort kommentieren !

  2. [...] werden. Infolgedessen soll der Rückstand zu den USA im Bereich F&E verringert und das Lissabon-Ziel von 3% F&E-Quote am BIP übertroffen [...]

  3. Der Eintrag ist tatsächlich etwas unglücklich strukturiert, aber der Inhalt stimmt, das ist erstmal das Wichtigste.
    Was ausser Acht gelassen wird ist, dass der Anreiz für die Bevölkerung konstant hoch gehalten werden muss. Die Kaufkraft darf nicht leiden, denn sonst bringt die Forschung nichts und ist unwirtschaftlich. Unter diesem Gesichtspunkt wird es bald zu einer Verschlechterung der Quote kommen, da die Finanz- bzw Weltwirtschaftskrise die Märkte schwächen wird. Es bleibt abzuwarten ob Österreich es schafft damit umzugehen und sich in diesem Bereich trotzdem noch zu verbessern. Besten Gruß!


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